Mercator1613Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war eine Zeit rasanter Umwälzungen und großer Fortschritte in der wissenschaftlichen Kartographie, die untrennbar mit dem Namen Gerhard bzw. Gerardus Mercator verbunden sind. Mercator, eigentlich Gerhard De Kremer, wurde 1512 in Rupelmonde bei Antwerpen geboren, studierte später Theologie, Philosophie und Mathematik bei Gemma Frisius an der Universität Löwen, Astronomie, und Kupferstichtechniken brachte er sich im Selbststudium bei.

Schon zu Lebzeiten galt Mercator als einer der größten Geo- oder Kosmographen seiner Zeit und war auch als Instrumenten- und Globenbauer berühmt.

Eine seiner herausragenden Leistungen war die Entwicklung der nach ihm benannten winkeltreuen Projektion zur Erleichterung der Navigation, die bis heute von Bedeutung für die See- und Luftfahrt ist. Einige Kulturwissenschaftler sorgten in jüngerer Zeit für Furore, indem sie die Mercator- Projektion für den vorherrschenden Eurozentrismus verantwortlich machten, da sie mit zunehmender Entfernung vom Äquator zu deutlichen Verzerrungen führt und Europa somit überproportional groß wirkt.

Mercator war auch einer der ersten, der Landkarten zu einem Kartenwerk in Buchform zusammenfügte, von ihm stammt der Begriff Atlas. Gemeint war damit allerdings nicht, wie später meist angenommen, der Titan und Atlas der griechischen Mythologie, der auf dem Titelblatt der Ausgabe von 1633 die Welt auf seinen Schultern trägt, sondern der sagenhafte mauretanische König Atlas, der ein großer Astronom und Kosmograph gewesen sein soll. Diese Symbolfigur ist auf dem Titelblatt der 1613er Ausgabe beim Vermessen der Erdkugel dargestellt, umgeben von Frauenfiguren, die die sechs Erdteile verkörpern, Königin Europa, Asien, Peruana (Südamerika, eine Indianerin), Magalanica, eine nackte Dame mit einer Fackel, die den hypothetischen Kontinent Feuerland symbolisiert, Mexicana, die in unserem Exemplar leider fehlt, und Africa.

Ursprünglich plante Mercator mehr als eine Zusammenstellung von Karten, vielmehr wollte er ein umfassendes kosmographisches Werk über die Schöpfung und über den Ursprung und die Geschichte des Geschaffenen anfertigen- er kam immerhin bis zu einem Traktat über die Erschaffung der Welt, das später als Einleitung des Atlas verwendet wurde.

Ein erster Teil des Mercator-Atlas, eine Überarbeitung der ptolemäischen Karten, erschien bereits 1578, 1585 folgten Kartenreihen von Frankreich, Deutschland und Holland. Mercator wurde jedoch ein Opfer seines Perfektionismus und zögerte die Publikation in der Hoffnung auf neue Informationen hinaus, so dass er 1594 vor Fertigstellung des Großprojekts starb. Der Atlas wurde von seinem Sohn Rumold ergänzt, die insgesamt 107 Karten mit kurzen landeskundlichen Begleittexten, einer Biographie Mercators verfasst von dem Duisburger Magistraten Walter Ghim und Mercators Text „De mundi creatione et fabrica liber“ wurden 1595 publiziert. diese Auflage war aber wenig erfolgreich und wurde vom Theatrum Orbis Terrarum (1570) des Abraham Ortelius weitestgehend verdrängt.

MercatorundHondius1604 wurden die Kupferplatten des Mercator-Atlas an den flämischen Kupferstecher, Kartographen und Verleger Jodocus Hondius verkauft, der das Werk um 37 Karten erweiterte, die zum Teil von ihm selbst stammten- insbesondere ergänzte er 7 Karten der Iberischen Halbinsel, die bei Mercator völlig gefehlt hatte, und Detailkarten von Afrika, Asien und Amerika. Hondius bezeichnete sich selbst zwar nur als Herausgeber, seine Nachfahren sehen seinen Beitrag aber als genauso wichtig an wie den Mercators, weshalb ab 1613 das berühmte Doppelportrait der beiden Kartographen eingefügt wird.

Hondius' Ausgabe war ein Riesenerfolg, es folgten zahlreiche erweiterte Ausgaben durch Hondius und seine Erben, auch eine „Taschenbuchausgabe“, der Atlas Minor. Mit den Mercator-Hondius-Atlanten begann der weltweite Siegeszug des Atlas, dessen inzwischen über 400-jährige Erfolgsgeschichte sich auch in den elektronischen Kartenwerken und Satellitenbildatlanten der Gegenwart, etwa Google Earth, fortsetzt.