Hortus_EystettentsisHortus Eystettensis ist der lateinische Kurztitel des berühmten botanischen Prachtwerkes Hortvs Eystettensis, Sive Diligens Et Accvrata Omnivm Plantarvm, Florvm, Stirpivm, Ex Variis Orbis Terrae Partibvs, Singvlari Stvdio Collectarvm Qvae In Celeberrimis Viridariis Arcem Episcopalem Ibidem Cingentibvs, Hoc Tempore Conspicivntvr Delineatio Et Ad Vivvm Repraesentatio (Der Garten von Eichstätt, oder sorgfältige und genaue Aufzeichnung und naturgetreue Darstellung all jener mit einzigartigem Fleiß aus den verschiedenen Erdteilen zusammengetragenen Pflanzen, Blumen und Bäume, die in den berühmten Gärten den Bischofsitz daselbst umgeben und dort betrachtet werden können).

Das 1613 erstmals erschienene Herbarium des Nürnberger Apothekers Basilius Besler zeigt in 367 ganzseitigen Kupferstichen 1.084 Pflanzen aus dem Garten von Eichstätt, rund um die Sankt Willibaldsburg hoch über der historischen Bischofsstadt gelegen. Johann Conrad von Gemmingen, der kunstsinnige Fürstbischof von Eichstätt, hatte den von seinem Vorgänger angelegten Garten mithilfe des gefeierten Arztes und Botanikers Joachim Camerarius und nach dessen frühem Tod mit Unterstützung Beslers, neu gestaltet und zu einem der berühmtesten Gärten Europas gemacht.

Die Suso-Bibliothek besitzt ein Exemplar der 4. Auflage von 1640 mit dem Eigentumsvermerk des Collegium Societas Jesu Constantiae von 1655. Ob das Exemplar gekauft wurde oder durch Schenkung in den Besitz der Jesuiten gelangte, ist nicht zu erkennen. Wie fast alle Exemplare dieser Auflage ist es nicht koloriert, zweifellos aus Kostengründen, hatte man doch für ein handkoloriertes Exemplar der Erstausgabe die immense Summe von 500 Gulden zahlen müssen- zum Vergleich, ein stattliches Haus kostete damals etwa 2500 Gulden. Die fehlende Kolorierung wird jedoch durch eine ausführliche Beschreibung der Farben im Inhaltsverzeichnis ersetzt. Auch auf die ursprünglich den einzelnen Abbildungen gegenübergestellten botanischen Beschreibungen wurde verzichtet, da sie wissenschaftlich überholt waren.

Hortus_AloeEinen Teil der Faszination dieses Buches macht die minutiöse Genauigkeit der Pflanzendarstellungen aus, exakt bis in die letzte botanische Einzelheit so dass man jede Pflanze anhand ihrer Blüten, Staubgefäße, Blattformen, Stängel, Wurzeln, Zwiebeln usw. identifizieren kann. Sie beruht aber auch auf der Ästhetik und künstlerischen Qualität der Darstellungen, die Einzelblätter aus dem Hortus bis heute zu begehrten Sammelobjekten und beliebtem Wandschmuck machen. Das übergroße Format der Kupferstiche (95x 55cm) erlaubt es außerdem, einen Großteil der Pflanzen und Blüten in natürlicher Größe abzubilden.

Hortus_LilieIm Gegensatz zu früheren botanischen Werken, die vor allem Anleitungen zur Selbstmedikamentation mit Kräutern gaben, ist der Hortus kein Arzneibuch, lediglich etwa 250 der dargestellten Pflanzen wurde Heilwirkung zugesprochen. Auch als botanisches Lehrwerk hatte er keine große Bedeutung, der Verfasser greift vielmehr überwiegend auf zeitgenössische Fachliteratur zurück, insbesondere auf Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts, z.B. diejenigen von Hieronymus Bock, Leonhart Fuchs, und Jakob Theodor, genannt Tabernaemontanus, die teilweise ebenfalls in der Suso-Bibliothek vertreten sind. Eine botanisch-wissenschaftliche Systematik, etwa als Vorläufer des erst über hundert Jahre später aufgestellten Linné'schen Systems der Klassifizierung der Pflanzen, existiert noch nicht. Geordnet sind die Pflanzen nach der Jahreszeit ihres Erscheinens in CLASSIS VERNAE – Die Frühlingsblumen, CLASSIS AESTIVIA - die Sommerblumen und CLASSIS AUTUMNALIS - die Herbstblumen, aus dem einfachen Grund dass die blühenden Pflanzen je nach Jahreszeit nach Nürnberg zu Besler geschickt wurden, um von diesem dann abgezeichnet und in Kupfer gestochen zu werden.

Der Klasse der Herbstblumen sind auch einige exotische Pflanzen EX NOVO ORBE, also aus Amerika, beigefügt. Hier finden sich etwa Nicotina maior angustifolia oder schmalblätericht Indianisch Wundkraut, womit nichts anderes als die Tabakpflanze gemeint ist, die Tomate ist als Poma amoris/ Lieböpffel ebenso vertreten wie zahlreiche Chili-Sorten (Indianischer Pfeffer) oder die Kartoffel, solanum pomiferum, noch nicht als Nutz- sondern als ungewöhnliche Zierpflanze. Auch verschiedene Kakteenarten sind dargestellt, etwa ein als Melocactus oder Melonendistel bezeichneter Kugelkaktus, da die Spanier bei ihrer Ankunft in der Neuen Welt die unbekannten stachligen Gewächse Disteln genannt hatten, oder ein bereits auf dem Frontispiz erscheinendes Prunkstück des Eichstätter Gartens, eine gewaltige Opuntie (Feigenkaktus), die durch ein Holzgerüst gestützt werden musste.

Hortus_CannaDer ursprüngliche Eichstätter Garten ist längst zerstört, doch sein Ruhm überdauert in Beslers Prachtband, der seine Betrachter bis heute begeistert. Die überraschende Wiederentdeckung eines Großteils der seit zwei Jahrhunderten verschollenen und als zerstört geltenden Druckplatten im Depot der Albertina 1994 zog eine Reihe von Ausstellungen und wissenschaftlichen Publikationen zu Buch und Garten nach sich, eine faksimilierte Prachtausgabe des ganzen Werks, die erste vollständige und farbige Neuauflage seit fast 400 Jahren, ist 1998 beim Schirmer Mosel Verlag erschienen und verschiedene zeitgenössische Künstler und Gartenarchitekten suchen Inspiration im Hortus Eystettensis.

Eine sehr gute, komplett digitalisierte Version einer teilweise kolorierten Erstausgabe des Hortus Eystettensis findet sich in der Digitalen Bibliothek des Real Jardín Botánico, Madrid, unter http://bibdigital.rjb.csic.es/. Die filigrane Schönheit der Abbildungen lässt sich jedoch schwerlich in Worte fassen und nur sehr unvollkommen in notwendigerweise verkleinerten digitalen Abbildungen wiedergeben und erschließt sich erst bei der Betrachtung des Originals.